Zeit ist Heilung

Ich war schon immer ein kreativer Mensch. Vor vielen Jahren hatte ich mich auf Illustrationen konzentriert. Ich wollte meinen eigenen Stil erschaffen und arbeitete daran. Irgendwie ist es mir auch mehr oder weniger gelungen. Den Menschen um mich herum hat es gefallen und ich selbst war mit dem Ergebnis auch zufrieden. Trotzdem bereitete mir diese Arbeit irgendwie Mühe. Es war nicht so, dass es immer so aus mir herausfloss. Denn da gab es auch noch eine andere Seite in mir, die sehr schwer war: ich war oft depressiv und müde. Hinzu kam, dass bei mir Ängste, vor allem in der Öffentlichkeit, immer stärker wurden, was mich natürlich noch mehr runterzog. Ich glaube, ich konnte es einigermaßen gut verbergen, und wohl kaum jemand vermutete solche Abgründe bei mir. Ich hätte wirklich alles dafür gegeben um von heute auf morgen ein normales Leben führen zu können. Aber so einfach ist es nicht. Dann kam die Zeit in der ich anfing zu meditieren bzw. zwei Jahre später Energien auszuleiten. Zuerst eine Stunde am Tag, dann zwei, dann drei. Kurzum, es wurde immer mehr. Von heute auf morgen beschloss ich meine ganze kreative Arbeit wegzusperren. Von einem Tag auf den anderen rührte ich nichts mehr an, was mit Illustration zu tun hatte. Ich wollte mich ganz meiner Heilung widmen. Und es war für mich wie eine Befreiung, Nun hatte ich mehr Zeit für das, was mir wirklich wichtig war. Wenn ich jemanden auf der Straße traf, den ich kannte, war die Frage oft: was machen Deine Illustrationen? Als ich dann erzählte, dass ich nichts mehr mache, waren sie entsetzt. Ich sagte ihnen, dass ich Zeit für etwas anderes brauche. Die Zeit, in der ich Energien ausgeleitet habe wurde immer länger. Es klingt verrückt, aber letztendlich waren es fünf bis acht Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, je nachdem ob ich arbeiten musste oder nicht. ich bin dafür sogar jeden Tag um 4 Uhr morgens aufgestanden um Zeit zu gewinnen. Kein Wunder, meine Zeit wurde fortlaufend knapper für andere Dinge, auch für Freundschaften. Ich traf mich immer seltener mit anderen Menschen und wenn ich mich traf, dann habe ich die Treffen zeitlich beschränkt, oft sagte ich auch ab. Irgendwann meldeten sie sich nicht mehr bei mir. Zum Schluss war es nur noch einer, der mir geblieben ist. Das klingt traurig, war es aber nicht. Ich habe es als Teil dieses Prozesses gesehen. Verstanden hat es wohl kaum jemand. Das kann ich verstehen. Für die meisten hat es wahrscheinlich verbissen ausgesehen. Für mich war es das nie. Es war ein Beschluss, ein Versprechen an mich meine Emotionen und Gedanken zu heilen. Und es musste mir egal sein, was die anderen von mir denken. Die Kraft auf meinem Weg zu bleiben war so stark. Ich habe in Kauf genommen alle Menschen zu verlieren und ich habe mich damit arrangiert. Mein Leben spielte sich mehr oder weniger in meinen vier Wänden ab. Das Fenster zur Welt war in dieser schwierigen Zeit meine Hündin und Weggefährtin. Auf unseren gemeinsamen Spaziergängen bin ich durch sie mit anderen Menschen in Kontakt gekommen, das war sehr wichtig für mich. Sie ist wirklich ein Engel. Und ich bin ihr über alles dankbar dafür. Über all die Jahre bin ich nicht einmal in den Urlaub gefahren, um Zeit zu gewinnen. Aber es machte mir nichts aus. ich hätte es sowieso nicht zu hundert Prozent genießen können. in einer Sache war ich mir dabei immer sicher: die Zeit wird kommen, in der ich wieder in den Urlaub fahren werde und zwar dann wenn es keine oder zumindest mal nur noch wenige Energien auszuleiten gibt. Und die Zeit ist gekommen. Die Energien wurden weniger und weniger. Mir ist buchstäblich die Luft ausgegangen im positiven Sinne. Die Zeit, die ich täglich damit beschäftigt war Energien auszuleiten reduzierte sich mehr und mehr, es ging gegen null. Jetzt war die Zeit da um wieder in den Urlaub zu fahren. Nach Jahren, in denen ich damit beschäftigt war mich selbst zu heilen, bin ich dann mit meinem besten Freund, der nicht mehr daran geglaubt hatte, dass ich jemals wieder in den Urlaub fahren würde, nach Südfrankreich gereist. Und ich konnte es wirklich genießen.

Erstaunlicherweise haben sich die Menschen, zu denen ich keinen Kontakt mehr hatte, nicht wirklich von mir abgewandt. Zumindest ist es so, dass ich mit dem einen oder anderen wieder in Kontakt bin. Sie sind mir nicht böse. Das schöne daran ist, dass ich diese Begegnungen jetzt auf eine andere Art und Weise in sehr positivem Sinne viel intensiver wahrnehmen kann. Im Nachhinein erscheinen mir all die Jahre ziemlich extrem und unwirklich, doch ich würde alles genau so wieder machen.

Was ich mit dieser Geschichte sagen will ist, dass es manchmal notwendig sein kann, sich von Dingen zu trennen, die lange Zeit wichtig waren, um Zeit für das Wesentliche, nämlich die Heilung, zu gewinnen, selbst wenn Du das Risiko eingehst, alles zu verlieren. Das ist natürlich kein Universalrezept. Es ist meine ganz persönliche Geschichte. Doch ich glaube, dass man sich für die Heilung seiner Emotionen immer Zeit nehmen muss – egal wie man es angeht – sie findet einfach nicht von selbst statt. Es ist regelrecht Arbeit. Doch wenn Du weisst für was es ist, dann kann es auch in irgendeiner Weise Spass machen. Sei aber niemals verbissen und folge in allem was Du tust Deinem Herzen und höre auf Deine innere Stimme. Und vor allem: glaube daran, dass Du Dich selbst heilen kannst. Das gibt Dir Kraft diese Etappe der Entbehrungen durchzustehen. Somit glaube ich auch, dass man diesen Prozess beschleunigen kann, je mehr Zeit man dafür investiert. Finde Deinen eigenen Rhytmus und Deine eigene Geschwindigkeit. Finde selbst heraus wieviel Zeit Du dafür aufwenden willst und auf was Du zu Gunsten Deiner Heilung verzichten kannst oder sogar musst. Es lohnt sich auf jeden Fall. Du lebst in dieser Phase, die Du für Deine Heilung investierst vielleicht nicht wirklich, vielleicht fühlst Du Dich sogar wie ein Alien, doch ich kann Dir versichern, dass, wenn Du diese Zeit durchgestanden hast, wirklich anfängst zu leben.

1 Kommentar

  1. n0thing and n0one compares 2 you

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s